La ruine du regard - Die Ruine des Blickes - Anu Pennanen
5 Video-Projektoren, 5 HD-Player, Verstärker, 5 Lautsprecher, Subwoofer, 5 Objekte (22:31 Min.)
Paris, Helsinki, Berlin 2010
Ein Einkaufszentrum erwacht, wird gereinigt, Obdachlose werden vertrieben, auf einem Platz erscheinen Boulespieler, die Fotografie einer Baugrube aus den 1970er Jahren, Baupläne, eine noch erhaltene Markthalle kommen ins Blickfeld, Rolltreppen rattern, Menschen laufen durch Tunnel, bewegt von Laufbändern, denn dieser Ort scheint auf Bewegung, nicht auf Verweilen ausgelegt zu sein. Dennoch gibt es einen Dialog zwischen Kunde und Verkäuferin, eine Frau wartet und wird versetzt, schließlich kehrt ein Protagonist heim zu seiner Familie – und das Einkaufszentrum erwacht erneut. Das Forum Les Halles in Paris ist der Schauplatz für die letzte Folge der „The Shopping Centre Triology“, in der sich Anu Pennanen mit Einkaufszentren in Europa befasst. Im besonderen Maße ist das Bauwerk in Paris Zeugnis eines städtebaulichen und politischen Prozesses, der immer wieder für Proteste sorgte und bis heute umstritten ist. Denn an dem schon seit dem 12. Jahrhundert für Geschäfte genutzten Ort standen einst Hallen aus Glas und Stahl eines Großmarktes aus dem 19. Jahrhundert, die – begleitet von Protesten der Bürger von Paris – 1971 abgerissen wurden. Über Jahre hinweg war die Baustelle vor allem durch eine riesige Grube im Stadtbild präsent. Das Forum Les Halles wurde 1979 eröffnet und ist bis heute eines der größten Einkaufszentren in Paris, ebenso verhält es sich mit den angeschlossenen Metro- und dem RER-Bahnhöfen, mit denen die Bewohner der Vororte in die Stadt fahren – täglich passieren die Stationen etwa 800.000 Pendler. Inzwischen wird umgebaut, der Dreh fand jedoch noch davor statt. Die bürgerliche Stadtbevölkerung steht dem Forum Les Halles mehrheitlich negativ gegenüber, demzufolge wird es in Reiseführern auch häufig als „langweilig“ beschrieben. Doch gibt es neben dieser touristischen Sicht noch andere Perspektiven auf den Ort, die Anu Pennanen sorgfältig beobachtet, mit Interviews freilegt und mit Hilfe von Studierenden der Filmhochschule reinszeniert: Menschen, die früher in den Hallen des Großmarktes gearbeitet haben, Jugendliche und junge Erwachsende, die den Ort zum „Abhängen“ oder für Verabredungen nutzen. Diese Protagonisten werden von einer Sprecherin vorgestellt, die Namen, Erinnerungen und Funktionen deklamiert. Die Videos werden auf fünf verschieden geformte Kuben projiziert, so dass Bilder in unterschiedlichen Winkeln und Größen entstehen. Sie geben die Aspekte des räumlichen und sozialen Gefüges in den verschiedenen Dimensionen wieder. Jede Projektion ist mit einer eigenen Tonspur unterlegt, so dass die Vielschichtigkeit des Ortes auch akustisch und räumlich erfahrbar wird. Welches also sind Dispositive eines großstädtischen Verkehrsknotenpunktes? Wie formt die Architektur eines der größten Verkehrszentren in Paris Begegnungen, Kommunikation, ermöglicht oder verhindert Wege, lässt Blicke zu oder lenkt sie ab, führt Menschen zusammen oder vereinzelt sie? Inwiefern bildet sich so ein soziales Gefüge ab, welches in den Planungen noch ganz anders gedacht war? „La ruine du regard“ verfolgt die durch Architektur gelenkten Blicke, Handlungen und Zuwiderhandlungen und macht so sichtbar, dass eine soziale Form wie die heutige Gesellschaft mit all ihren Themen wie z.B. jenes der Immigration nicht durch eine rein materielle Form wie der Architektur verändert werden kann, wohl aber wird diese zu anderen Handlungsräumen umfunktioniert.
(Gila Kolb)
